„So etwas tut ein Mädchen nicht!“

Artikel in BIOLINE-Magazin

Theodor Adorno schrieb einmal: „Der weibliche Charakter und das Ideal der Weib-lichkeit, nachdem er modelliert ist, sind Produkte der männlichen Gesellschaft.“

Theodor Adomo

Ich frage mich, was würde von uns als Frau übrig bleiben, wenn wir uns von den modellierten Weiblichkeitsbildern lösen würden?

Was macht mich als Frau aus?

Wie ich rede, wie ich mich bewege, wie ich gehe, wie gut ich mich füge, anpasse und mich Illusionen und Täuschungen hingebe? Dass ich mein ganzes Leben auf Mr. Right warte oder in einem Turm auf den Märchenprinzen, der auf seinem Pferd angeritten kommt, um mich zu befreien?

Ich rebelliere seit meiner Kindheit gegen die Konventionen, Traditionen, Normen und festgefahrenen Gesellschaftsstrukturen, vor allem gegen geschlechts-spezifische Rollenmuster.

Als ich in den Kindergarten kam, war ich sechs Jahre alt. Dort bemerkte ich, das die Jungs immer draußen spielten, tobten, sich rauften, auf den Spielgerüsten kletterten, während die Mädchen drinnen mit ihren Puppen spielten, ihre Haare kämmten oder mit den Erzieherinnen bastelten. Wenn sie aber mal draußen waren, dann nur, um die Jungs beim Raufen zu bewundern.

Doch ich wollte nicht Barbies die Haare kämmen und für Ken das Essen vorbereiten.

Mich zog es nach draußen zu den Abenteuern.

Ich wollte toben, brüllen und mich mit den Jungs messen. Da die jedoch mit mir nicht spielen wollten, ging ich meine eigenen Wege. Ich kletterte auf Bäume, sprang wieder runter und wiederholte das ständig, bis meine Erzieherin mir entgegenkam: „Was machst du da, komm runter und spiele anständig mit den anderen Mädchen!“

„Ich lerne fliegen“ erwiderte ich mit meiner Mädchenkraft und streckte meine Arme schwungvoll in die Horizontale, wie Vögel, die ihre Flügel aufschlagen, die zum Fliegen ansetzen. Ich ließ mich auf den Boden fallen und bewegte dabei meine Arme auf und ab.

Die Ermahnung meiner Erzieherin zwang mich, mit meinen Flugkünsten aufzuhören. Da saß ich dann wieder drinnen mit den anderen Mädchen, doch mein Blick schweifte immer wieder nach draußen in die Ferne.

Ich hatte keine Puppe, ich wollte keine Puppe, weder Barbie noch Ken.

Ich wollte einfach draußen sein, stand demonstrativ auf, holte mir drei Eimer, füllte sie mit Wasser und kippte das nacheinander auf den weichen Sand, damit er hart wurde. Langsam und sorgfältig schob ich die Sandmassen zusammen und formte daraus ein Boot mit Sitzflächen.

Die Jungs waren nun doch an meinem Tun so interessiert und folgten meiner Auf-forderung,, mir zu helfen.

Wir bauten zusammen mehrere Sandboote. Je zu zweit saßen wir dann darin und ruderten mit den kleinen Spielschippen begeistert durch das Sandmeer.

Plötzlich kamen nun auch einige Mädchen rausgerannt und wollten unbedingt mitmachen.

Da saßen wir nun, Jungs wie Mädchen, in den Sandbooten und ruderten gemeinsam geheimnisvollen Abenteuern entgegen. Wir beobachteten die Delfine und Haie, die sich in unserem Sandmeer tummelten, kämpften gegen imaginäre Piraten an und suchten nach verborgenen Schätzen.

Die Puppen lagen auf dem Boden.

Sorry Barbie, sorry Ken.

Über das Spielen vergaßen wir die Zeit. Unsere Erzieherinnen beobachteten das ganze Szenario mit Unbehagen, ließen uns an diesem Tag jedoch die gemeinsame Freiheit.

Am nächsten Tag aber hatte das Meer unsere Boote verschlungen.

Ich verstand das alles nicht als Kind. Hier die Jungen – dort die Mädchen. Doch diese Spaltung zog sich durch mein ganzes Leben, in der Schule, in der Familie, in meinen Beziehungen, bei der Arbeit.

Wenn meine Eltern Besuch empfingen, sollte ich mich herausputzen, meiner Mutter beim Tischdecken, Abräumen und beim Dienen helfen. Lautes Lachen, rebellisches Verhalten, mit den Gästen einfach dasitzen und rumalbern, war mir nicht gestattet. Mit strengen, drohenden Blicken wurde ich gezüchtigt und gebändigt.

„Das tut ein Mädchen nicht!“, hieß es immer.

Ich hätte mich anständig zu benehmen.

Dass mir Busen und Vagina zum Verhängnis werden sollten, hätte ich nicht gedacht, aber mein Körper wurde mir mehr und mehr zum Gefängnis.

Mein eigenes Frausein war mit vielen Einschränkungen und bestimmten Vorstellungen aus meinem Umfeld belegt.

Meine eigene Weiblichkeit wurde mir zunehmend eine Bürde.

In der Schule nannte man mich die Durchgeknallte, wenn ich mich den Lehrern zur Wehr setzte, auf der Treppe saß und Gitarre spielte, zu Bob Dylans Song: „How many roads a man walk down, before you can call him a man?“

Ich hätte zu „man“ die Präfix „wo“ setzen wollen, das entspräche mehr meinem Schicksal als Frau, so wie ich es empfand.

Ich pflegte damals keine Kontakte zu den anderen pubertierenden Mädchen, die ständig über Klamotten und Jungs sprachen. Diese Mädels brachten ihre Bravo-Magazine mit und schwärmten für die Baywatch-Jungs oder Boygroups.

Als ich ihnen mal vorschlug, J. D. Salingers Fänger im Roggen zu lesen, schauten sie mich spöttisch an.

Sie wollten mich auch nicht dabei haben, wenn sie sich trafen. Ich passte da einfach nicht rein

Ich verstand ihre und meine Welt nicht mehr.

Mein Herz sehnt sich danach, das Leben in seiner intensivsten und schönsten Form zu spüren, zu genießen und zu erfahren, mein Geist offen und weit, um die Tiefe und die Vielfalt des Lebens zu erfassen und zu begreifen und mich als Teil des Universums und der Welt zu sehen.

Konnte ich das als Frau, mich dem Leben hinzugeben, ohne Wenn und Aber, ohne mich zu verleugnen oder zu verstellen?

Ich zweifelte mehr und mehr an meiner Weiblichkeit. Denn, wenn meine ursprüngliche Natur, nicht den Gegebenheiten einer Frau entsprach, dann wollte ich keine Frau mehr sein.

Als Frau ist man unfrei. So empfand ich das.

Als ich meine ersten sexuellen Erfahrungen mit Männern machte, wunderten sie sich, dass ich sie nie an mich zu binden suchte oder sie anhimmelte.

Ein junger Mann, der mich zum Abendessen eingeladen hatte, hielt mir eine beachtliche Rede, in der er darlegte, weshalb ich nie einen Mann „abkriegen“ würde. „Du bist intelligent, schön und charmant, doch du gibst den Männern das Gefühl, dass du sie nicht brauchst. Du solltest besser lernen, dich mehr unterzuordnen und angepasster zu sein.“

Da hast du es wieder!

Die Natur, die Tierwelt strotzt vor Vielfalt in der Art und Gattung, neue Flora und Fauna entsteht, erblüht.

Die Erziehung, die Gesellschaft und Medien aber versuchen, die Menschen zu spalten in eine Dichotomie, zwei antagonistische Pole, um sie dann noch mal gesondert von allen Seiten zu reglementieren.

Was macht denn meine Weiblichkeit aus, wenn ich mich nicht als Ganzes erfahre, wo das Weibliche und Männliche in mir verwirklicht sein darf.

Der patriarchale Gott hat mich wohl entzweit. Ich suche nicht in der anderen Hälfte den Mann fürs Leben, sondern meine andere verlorene Hälfte. Denn ich bin eine gespaltene Frau.

Ich suche, ich rebelliere und ich lese viele Bücher über Göttinnen, Hexen, Heldinnen und Wolfsfrauen.

Ich kämpfe jeden Tag in meinem Leben, um nicht das ganze Rollenspiel mitmachen zu müssen.

Ich spüre den Drang nach Freiheit und Abenteuer, die Liebe zur Dichtung und zur Natur – obwohl ich eine Frau bin.

Und ich liebe Kleider, die mich nicht in meiner Bewegungsfreiheit einschränken. Ich mag kein Make-up, weil meine Haut dann nicht atmen kann. Ich mag keine High Heels, weil davon meine Füße und mein Rücken wehtun.

Ich mag keine Antibabypillen nehmen, die mich aufblähen und meinen Menstruationszyklus stören.

Ich rebelliere dagegen, dass eine Frau nicht muskulös und stark aussehen soll.

Ich will nicht in dem elfenbeinernen Turm auf meine Befreiung warten, sondern selber auf einem weißen Pferd reiten.

Ich mag mich nicht ködern lassen oder auf eine Hälfte reduziert sein. Mir kann man nicht weismachen, dass ich nur durch die Vermählung mit einem Mann die Vollkommenheit und Ganzheit des Menschseins erfahren kann.

Mein Traum ist es, mich als vollkommenes Wesen zu erfahren, in meiner Ursprünglichkeit.

Ich will als Frau mit der Urkraft des Lebens verbunden sein, mich als ein einheitliches Grundprinzip verstehen.

Ich will als Frau mit Würde, Kraft, Güte, Weisheit, Liebe und Freude leben, dies im Geiste wie im Herzen. Dazu gehört vor allem, die Liebe zu mir selbst tief zu empfinden.

Wir suchen Lösungen für eine Gleichstellung und Gleichberechtigung zu finden. Die jedoch liegt nicht in einem neuen Gesetz, einem neuen sozialen System, oder in papierener Theorie.

Es geht vielmehr darum, das duale Gedankengut, das uns spaltet und uns ge-schlechtsspezifischen Merkmalen zuordnet, aus den Köpfen zu löschen.

Simone de Beauvior schrieb in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“:

„Frau ist nicht Opfer irgendeiner geheimnisvollen Schicksalhaftigkeit. Die Besonderheiten, die sie kennzeichnen, beziehen ihr Gewicht aus der Bedeutung, die man in sie hineinlegt. Sie können überwunden werden, sobald man sie aus einer anderen Sicht begreift.“

Weiter schreibt sie: „Die Tatsache, ein Mensch zu sein, ist unendlich viel wichtiger als alle Einzelheiten, die die Menschen unterscheiden.“

Kürzlich las ich im Internet einen Artikel: „Stöckeln für die männlichen Blicke“.

Er beschreibt, dass Frauen bereit sind, ihre Füße mit hochhackigen Schuhen zu ruinieren, vor Schönheitsoperationen nicht zurückschrecken und dass der Wunsch nach „Verschönerung Teil des Balzverhalten ist und nötig, um einen Partner zu finden“ (schreibt die Wissenschaftlerin Eberfeld).

„Viele Frauen – so steht es im Artikel – streben nach einem Ideal und sind auch bereit, dafür zu leiden.“

Weiter: „Eine ganze Industrie lauert heute nur darauf, uns Anti-Age-Cremes zu verkaufen und auf Diät zu setzen. Das funktioniere, weil in den Frauen der Nährboden dafür vorhanden ist und sie um die Wirkung auf Männer wissen.“

Der Drang der Frau nach etwas Höherem, muss größer sein, damit sie ihre Stärke, ihre Weisheit, ihre Spontaneität, ihre Lust und Freude zurückerobern kann.

Simone de Beauvoir dazu:

Weiblich sein heißt, sich unfähig, oberflächlich, passiv und fügsam geben.

Das junge Mädchen soll nicht nur hübsch aussehen und herausputzen, es soll auch seine Spontaneität unterdrücken und wie die Älteren es lehren, durch Anmut und gekonntem Charme ersetzen. Jede Selbstbehauptung mindert seine Weiblichkeit und die Erfolgs-aussichten seiner Verführungskunst.

Wenn Studentinnen in fröhlichen Scharen durch die Straßen ziehen, wie die Studenten es zu tun pflegen, erregen sie Aufsehen. Munter ausschreiten, singen, laut reden, schallend lachen, in einen Apfel beißen – all das sind Provokationen, derentwegen man sie be-schimpft, verfolgt, belästigt. Unbeschwertheit erscheint sogleich als ein Mangel an Hal-tung. Diese Selbstbeherrschung, die man der Frau abverlangt und die dem „wohler-zogenen Mädchen“ zur zweiten Natur wird, tötet jede Spontaneität, dämmt die Lebensfreude ein. Das führt zu Spannungen und zu Langeweile …

Die Jugendliche denkt sich nicht als eine für ihre Zukunft verantwortliche Person. Sie findet es überflüssig, hohe Ansprüche an sich selbst zu stellen, da ihr Schicksal letztlich doch nicht von ihr abhängen wird.

„Sie ergibt sich dem Mann nicht etwa, weil sie sich ihm unterlegen weiß, sondern sie stellt ihre Unterlegenheit erst her, weil sie ihm ergeben ist und den Gedanken ihrer Minderwertigkeit akzeptiert.“ (Simone de Beauvoir)

Warum haben wir als Frauen keinen langen Atem und trotzen gegen die von Männern modellierten Schönheitsideale“? Können wir nicht gewisse Privilegien entbehren und auf das Danaergeschenk (das ist ein Geschenk, das Unglück mit sich bringt) verzichten?

Wo ist die Frau, die ohne Scheu und Angst Herrin von Himmel, Erde und Unterwelt ist. Wo sind die Göttinnen, die über Leben, Tod und Widergeburt bestimmen? Die im Wald nackt mit dem Mond tanzen, dem Teufel die Stirn bieten, ihre Füße den Boden segnen, ihre Hände den Himmel behaupten?

Was ist mit uns passiert?

Unsere Frauenbewegungen und die aktiven Feministinnen erreichen nichts, wenn die Mehrheit der Frauen nicht an sich selber arbeitet und ein neues Bewusstsein in sich manifestiert.

Wieso können wir als Frauen keinen gesunden Ausgleich zwischen unserem Äußeren und Inneren schaffen? Eine innere Stabilität, gepaart mit einem gesunden Aussehen, die mit Kraft, Vitalität und Lebensfreude gepaart ist, ohne von ihrem Selbstwertgefühl einzubüßen?

Das Äußere soll nicht als Gefallelement dienen, sondern als Ausdruck authentischer Schönheit, aus Liebe zu uns selbst.

Wenn wir nur aufwachen aus unserem Dornröschenschlaf, aus unserem Dämmerzustand und unsere eigene Blüte zurückerobern, deren wir beraubt sind, dann können wir dem entgegenwirken, was Heide Göttner-Abendroth als „patriarchalische Weiblichkeit und patriarchalische Männlichkeit“ konstatiert, die sich als „verstümmelte Wesen“ gegenüberstehen.

Dann können wir uns freuen, wenn werdende Mütter auf die Frage, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird, antworten: „Was spielt das denn für eine Rolle!“

Solche Mütter werden nie zu ihren Süßen sagen: „So etwas tut ein Mädchen nicht!“